Wie funktioniert Verhaltenstherapie?


In Österreich gibt es derzeit 23 anerkannte Psychotherapierichtungen. Für Klienten auf der Suche nach einer Psychotherapie kann dies sehr verwirrend sein. Ich kann und werde Ihnen hier nicht alle 23 Richtungen erklären, aber ich kann und werde Ihnen hier näher bringen wie meine Therapierichtung - die Verhaltenstherapie - arbeitet. Verhaltenstherapie ist weltweit die wissenschaftlich am besten untersuchte Therapierichtung. An dieser Stelle möchte ich jedoch keinen wissenschaftlichen Artikel schreiben, sondern ich möchte Ihnen verdeutlichen, wie eine Verhaltenstherapie in der realen Praxis aussehen kann. Die folgende Darstellung beinhaltet ausschließlich Aspekte, die ich in der Form bereits real in meiner Praxis hatte. 

 

Frau S. ist 31 Jahre alt, Uniabsolventin und an einer ihrer Qualifikation entsprechenden Stelle in einem Unternehmen tätig. Sie kam zu mir ins Erstgespräch mit der Problematik von Panikattacken, die seit ein paar Monaten immer wieder bei ihr auftreten würden. Als Verhaltenstherapeut erkunde ich den aktuellen Zustand meiner Klienten immer auf vier Ebenen: Körper, Gedanken, Emotionen und Verhalten. Bei Frau S. zeigte sich folgender Zustand:

  • Körperliche Symptome: Neben Symptomen wie einer erhöhten Herzfrequenz, Schweiß und Zittrigkeit beschrieb Fr . S. vor allem Schwindel als sehr belastendes Symptom. Zusätzlicher Befund: keine regelmäßige Bewegung, ungesunde Ernährung.
  • Gedanken: "hoffentlich falle ich nicht in Ohnmacht", "hoffentlich mache ich nichts falsch", "auf mich muss man sich verlassen können", "ich möchte nicht mit meinen Kollegen in Konflikt kommen", etc.
  • Emotionen: Angst vor Kontrollverlust, Verzweiflung.
  • Verhalten: meidet Autofahrten aufgrund der Furcht vor Panikattacken, versucht in der Arbeit alles "perfekt" zu machen, nimmt in der Arbeit sämtliche Anfragen nach zusätzlichen Aufgaben an, etc.

Fr. S. hat am 2. Bildungsweg studiert, sie ist erst seit einem Jahr in der neuen Firma. Sie freut sich sehr über ihren neuen Job, der ihrer Ausbildung entspricht, fühlt sich aber durch die neuen und umfangreichen Aufgaben sehr gestresst. Gleichzeitig möchte Sie ihren Job besonders gut machen, da es der erste ist, der ihrer neuen Qualifikation entspricht. Vor ein paar Monaten machte sie einen Fehler, der zum Verlust eines Kunden führte. Um einen solchen Fehler nicht noch einmal zu machen, versucht sie seitdem alles so perfekt wie möglich zu machen, was den Arbeitsaufwand erheblich steigert. Als zusätzliche Belastung gibt es im privaten Bereich einen langjährigen familiären Konflikt.

 

Psychotherapie / Verhaltenstherapie (in gekürzter Form):

  • Körperliche Symptome: Fr. S. wurde anhand des in der Therapie verwendeten Vulnerabilitäts-Stress-Modelles klar, dass ihre körperlichen Symptome Folge einer chronisch hohen Stressbelastung (=körperliche Überaktivierung) sind. Es wurden entsprechende Gegenmaßnahmen auf der körperlichen Ebene erarbeitet und umgesetzt (u.a. Sport, Entspannung). Die Furcht vor der Schwindelsymptomatik konnte infolge einer Expositionsübung stark verringert werden. Zusätzlich kamen Atemtechniken zum Einsatz, die die Atmung normalisierten. Der Schwindel verschwand daraufhin, die körperliche Anspannung reduzierte sich deutlich.
  • Gedanken: Fr. S. hat eine (zu) hohe Leistungsorientierung und (zu) hohe Ansprüche an sich selbst. Mittels Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie konnten diese deutlich entschärft werden. Über gemeinsame Reflexion konnte die Beziehung zur Herkunftsfamilie deutlich entlastet werden.
  • Verhalten: Fr. S. änderte ihr Verhalten bei der Arbeit. Sie hat organisatorische Abläufe hinsichtlich Stressreduktion optimiert, hat ihre persönlichen Grenzen bezüglich Zusatzaufgaben deutlicher gezogen und konnte ihren Perfektionismus etwas lockern. Sie zog ihre persönlichen Grenzen gegenüber ihrer Familie deutlicher. Gegenseitige Erwartungen konnten geklärt werden.
  • Emotionen: Direkt am Emotionsempfinden wurde in diesem Fall nicht gearbeitet. Die emotionale Annspannung verringerte sich als Folge der restlichen Maßnahmen. Die Panikattacken verschwanden völlig.

Die Therapie nahm 17 Einheiten in Anspruch. Ganz nebenbei ergaben sich noch andere positive Entwicklungen im Privatbereich, die am Beginn der Therapie gar nicht Thema waren. Meiner Erfahrung nach ist dies ein häufiger Effekt. Klienten nehmen den positiven Schwung einer Psychotherapie mit in andere Lebensbereiche, die gar nicht Teil der Therapie waren.